Die (Fehl-)Geburt der KI ––
Woran uns der Ursprung des Begriffs „Künstliche Intelligenz“ erinnern kann

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist heute allgegenwärtig. Er prägt öffentliche Debatten, politische Strategien und wirtschaftliche Zukunftsmodelle. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass auch dieser Begriff selbst eine Geschichte hat – und dass gerade diese Geschichte wesentlich zu jenen Missverständnissen beiträgt, die unsere Wahrnehmung von KI bis heute prägen.

Geprägt wurde der Ausdruck „Artificial Intelligence“ Mitte der 1950er Jahre von dem amerikanischen Informatiker John McCarthy. Im Sommer 1956 lud er gemeinsam mit Kollegen zu einer Forschungszusammenkunft am Dartmouth College ein, die später als „Dartmouth Conference“ bekannt werden sollte.

Ziel dieses Treffens war es, ein neues Forschungsfeld zu begründen und systematisch zu untersuchen, wie sich Aspekte menschlichen Denkens formalisieren und maschinell abbilden lassen.

Tatsächlich ging es den frühen KI-Forschern – zumindest im Selbstverständnis vieler von ihnen – nicht darum, menschliche Intelligenz zu ersetzen oder künstlich zu reproduzieren. Im Kern stand vielmehr der Versuch, menschliches Denken besser zu verstehen, indem kognitive Prozesse modelliert, formalisiert und in Rechenverfahren übersetzt wurden.

Computer sollten den Menschen nicht verdrängen.

Sie sollten als Werkzeuge des Denkens dienen.

In diesem Sinne stand Künstliche Intelligenz ursprünglich für einen Impuls zur Humanität.

Der Begriff erfüllte jedoch noch eine weitere Funktion. Wie jedes neue, innovative Forschungsfeld benötigte auch die KI einen prägnanten, aufmerksamkeitsstarken Namen, der wissenschaftliche, politische und finanzielle Unterstützung mobilisieren konnte.

„Artificial Intelligence“ erfüllte diesen Zweck in besonderer Weise.

Der Ausdruck weckte Erwartungen. Er erzeugte Faszination. Er öffnete Fördertöpfe – auch um den Preis begrifflicher Unschärfe.

Diese begriffliche Aufladung wirkt bis heute nach. Sie trägt dazu bei, dass KI-Systeme häufig als etwas wahrgenommen werden, das uns ähnlich sei – oder uns sogar ersetzen könne.

Tatsächlich beruht Künstliche Intelligenz auf Algorithmen, Daten und statistischen Verfahren. Sie besitzt keine Intelligenz im menschlichen Sinne, sondern verarbeitet Informationen gemäß formaler Regeln und definierter Zielsetzungen.

Deshalb ist es hilfreich, sich die Ursprünge des Begriffs „Künstliche Intelligenz“ bewusst zu machen.

Das erinnert uns daran:

KI ist weniger eine eigenständige Form von Intelligenz als vielmehr ein Spiegel unserer Denkmodelle, unserer Erwartungen und unserer Projektionen.

Nicht die Maschine ist intelligent.

Wir sind es, die ihr Intelligenz zuschreiben.

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