Der Pygmalion Mythos – Warum wir unsere kulturellen Prägungen im Auge behalten sollten

Ausgangspunkt
Ein fundamentaler kultureller Impuls
Der Pygmalion Effekt
Erfolgreiche Wirtschaft

Für unseren konstruktiven Umgang mit Künstlicher Intelligenz ist die Kraft eines kulturellen Impetus nicht zu unterschätzen – eines Impulses, der uns hin und wieder sehr im Wege steht und der unser Denken und Handeln oft stärker prägt, als uns bewusst ist.

Gemeint ist unser Wunsch nach einem uns ähnlichen Gegenüber.

Mit anderen Worten:

Der Pygmalion Mythos macht einen fundamentalen kulturellen Impuls sichtbar.Die uralte Sehnsucht, künstliche Menschen schaffen zu können.

Bereits in der klassischen Antike entwickelte der römische Dichter Ovid in seinem Gedichtepos „Metamorphosen“ dafür ein prägendes Szenario – den Mythos von Pygmalion.

Der auf der Mittelmeerinsel Zypern lebende Bildhauer Pygmalion wendet sich enttäuscht von den Frauen seiner Zeit ab. Ihr rücksichtsloses Verhalten weckt in ihm den Wunsch nach einer idealen Gestalt, die das Beste des Menschlichen bewahrt.

Der auf der Mittelmeerinsel Zypern lebende Bildhauer Pygmalion wendet sich enttäuscht von den Frauen seiner Zeit ab. Ihr rücksichtsloses Verhalten weckt in ihm den Wunsch nach einer idealen Gestalt, die das Beste des Menschlichen bewahrt.

In seiner Werkstatt formt er deshalb eine Figur aus Elfenbein – ein Werk, das schöner sein soll als jede lebende Frau.

Der vollkommene künstliche Körper weckt in ihm das Bedürfnis, Leben darin zu erkennen

Zwischen dem Bildhauer und seinem Werk entwickelt sich eine emotionale Bindung.

Pygmalion behandelt seine Statue nicht als Kunstobjekt, sondern als menschliches Gegenüber und verliebt sich schließlich sogar in seine Elfenbeinfigur. Er umarmt sie und beschenkt sie mit Schmuck, feinen Stoffen und Blumen – als wäre sie eine lebendige Frau.

Vor dem Fest der Venus fasst Pygmalion schließlich den Entschluss, um eine seiner Statue gleichende Frau zu bitten.

Die römische Göttin erhört ihn.

Die Figur wird lebendig.

Diese Transformation vollzieht sich, ohne dass Pygmalion bewusst ist, wann der Übergang vom Künstlichen zum Lebendigen genau stattgefunden hat.Seine neue Frau lebt von nun an gemeinsam mit ihm. Aus der Verbindung entsteht ihr Sohn Paphos, nach dem – der Legende nach – die gleichnamige zyprische Hafenstadt benannt wurde.

Ein fundamentaler kultureller Impuls – 
Was uns Pygmalion noch heute zu sagen hat

Der Pygmalion Mythos macht einen fundamentalen kulturellen Impuls sichtbar.

Sein Kern besteht in unserer Neigung, Objekten unter bestimmten Bedingungen Innerlichkeit, Intentionalität oder Antwortfähigkeit zuzuschreiben – selbst dann, wenn sie diese überhaupt nicht besitzen.

Wir suchen nach Resonanz, Sinn und Beziehung.

Und wo diese nicht vorhanden sind, stellen wir sie uns vor.

Dieser kulturell angelegte Mechanismus, der in der Psychologie oft unter dem Begriff der Projektion gefasst wird, ohne dass sich dieses Phänomen darauf vollständig reduzieren ließe, birgt die Gefahr, in Objekten Eigenschaften wahrzunehmen, die sie nicht haben – oder umgekehrt nicht wahrzunehmen, was sie tatsächlich sind und können.

Pygmalion ist dabei nur einer der prägnantesten von zahlreichen kulturell sehr unterschiedlich codierten Mythen verschiedener geschichtlicher Epochen, die – trotz erheblicher Unterschiede – eine wiederkehrende menschliche Faszination für künstliche Wesen sichtbar machen.

Dabei denke ich beispielsweise an den Homunkulus der europäischen Renaissance oder an E. T. A. Hoffmanns Olympia.

Das zeigen etwa die mechanischen Karakuri-Ningyō-Puppen der japanischen Edo-Zeit oder die Erzählungen mechanischer Menschen in der chinesischen Kulturtradition.

Heute begegnet uns dieser kulturelle Impuls weniger im Mythos als vielmehr in unserer Wahrnehmung und Interpretation Künstlicher Intelligenz.

Wir reden mit Chatbots wie mit echten Gesprächspartnern, beschimpfen – wie bisweilen auch ich – Navigationsgeräte, wenn sie Fehler machen, oder schreiben digitalen Assistenten Fähigkeiten zu, die über ihre tatsächliche Funktionsweise hinausgehen.

Zunehmend mehren sich sogar Berichte, dass sich manche von uns – Pygmalion nicht unähnlich – in KI-Avatare verlieben.

Diese Reaktionen haben weniger mit der tatsächlichen Funktionsweise Künstlicher Intelligenz zu tun als mit unserer kulturellen Prägung.

Wir interpretieren das Verhalten Künstlicher Intelligenz durch die Brille jahrtausendealter Erzählungen über künstliche Menschen – auch dort, wo in Wirklichkeit lediglich algorithmische Berechnungen stattfinden und statistische Muster erzeugt werden.Wenn wir diese kulturellen Prägungen nicht ausreichend im Auge haben, laufen wir Gefahr, technischen Systemen Eigenschaften zuzuschreiben, die sie nicht besitzen – und dadurch ihre Möglichkeiten zu überschätzen oder ihre Grenzen zu verkennen.

Der Pygmalion Effekt –
Was der Pygmalion Effekt mit unseren Kindern zu tun hat

Heute zeigen sich die Effekte des Pygmalion Mythos in ganz unterschiedlicher Gestalt.

Wenn Sie etwa an Ihre Schulzeit denken:

War es bei Ihnen – wie bei mir – auch so, dass sich Ihre Leistungen positiv entwickelten, wenn Lehrerinnen und Lehrer Ihnen etwas zutrauten?

Das war keine Einbildung.

Die tatsächliche Wirksamkeit dieses psychologischen Effekts wurde bereits in den 1960er-Jahren durch Robert Rosenthal und Lenore Jacobson untersucht.

Zu Beginn eines neuen Schuljahres führten sie an einer Grundschule in San Francisco einen Intelligenztest durch.

Anschließend informierten sie die Lehrkräfte darüber, dass einige der Schülerinnen und Schüler über außergewöhnliche Entwicklungspotenziale verfügten und im Laufe des Schuljahres besonders große Fortschritte zu erwarten seien.

Tatsächlich unterschieden sich diese Kinder in ihren Testergebnissen nicht von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern.

Als der gleiche Test am Ende des Schuljahres erneut durchgeführt wurde, zeigte sich, dass die zufällig ausgewählten Kinder sich messbar stärker verbessert hatten – ein Ergebnis, das auf die Wirkung veränderter Erwartungshaltungen hinweist.

Ursächlich dafür war die positive Erwartungshaltung der Lehrerinnen und Lehrer.

Diese nahmen die betreffenden Kinder – oft unbewusst – anders wahr, stellten anspruchsvollere Fragen und gaben verstärkt ermutigendes Feedback.

Andere Schülerinnen und Schüler wurden demgegenüber leichter übersehen oder weniger intensiv gefördert.

Zahlreiche Studien zeigen, dass der Pygmalion Effekt insbesondere dort wirksam ist, wo Erwartungen, Selbstbild und soziale Rahmenbedingungen zusammenwirken.

Gerade bei sozial benachteiligten Kindern können negative oder zu niedrige Erwartungen vorhandene Potenziale blockieren und bestehende Bildungsungleichheiten verstärken.

Insofern stellt dieser Effekt bis heute eine große Herausforderung für Schule und Bildungssystem dar.

Gleichzeitig zeigen Erkenntnisse der humanistischen Psychologie, dass sich der Pygmalion Effekt – bewusst eingesetzt – auch konstruktiv nutzen lässt.

Er kann dazu beitragen, persönliche Ziele zu erreichen, das eigene Selbstbild zu stärken und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

Auf diese Weise wird er zu einem wirksamen Hebel für Selbstvertrauen und Entwicklung – sowohl im persönlichen als auch im beruflichen Kontext.

Erfolgreiche Wirtschaft –
Was der Pygmalion Effekt mit zukunftsfähigen Unternehmen zu tun hat

Wer – wie ich – die Verpflichtung zu unternehmerischer Verantwortung sowohl aus Arbeitgeber- als auch aus Arbeitnehmersicht kennt und an zeitgemäßem Management interessiert ist, kann den Pygmalion Effekt für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg nutzen.

Gerade in zukunftsfähigen Unternehmen lässt er sich als Impuls zur Humanität wirkungsvoll umsetzen.

Denn der Managementstil beeinflusst die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Unternehmens – nicht allein, aber in oft unterschätzter Weise.

Ein gutes Management verbessert das Leistungsniveau von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch Haltung, Erwartungen und das Verständnis von Verantwortung.

Mit anderen Worten:

Heute geht es weniger denn je um einen verstaubten autoritativen Führungsstil, sondern um eine humane Form der Mitarbeiterführung.

Eine Führung, die Teams konstruktiv begleitet, Entwicklung ermöglicht und Motivation für gemeinsamen Erfolg schafft.

Diese humane Managementqualität bedeutet, positive Erwartungen zu formulieren, konstruktives Feedback zu geben, ein unterstützendes Umfeld zu schaffen und negative Voreingenommenheit zu vermeiden.

Bereits in früheren Publikationen habe ich gezeigt, wie stark unternehmerischer Erfolg im 21. Jahrhundert von der intelligenten Verknüpfung sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Faktoren abhängt.

Nach meiner langjährigen praktischen Erfahrung kommt es dabei besonders darauf an, ökonomische Vorteile durch Nachhaltigkeit zu schaffen und den einzelnen Menschen deutlich stärker als bisher in das Zentrum des Wirtschaftens zu stellen.

Dieser Impuls zur Humanität spielt nach meiner Auffassung auch bei der Einführung Künstlicher Intelligenz in Unternehmen eine zentrale Rolle.

In einem zunehmend dynamischen globalen Wettbewerbsumfeld ist die gezielte Nutzung von Künstlicher Intelligenz für viele europäische Unternehmen zu einer strategischen Wettbewerbs- und Zukunftsfrage geworden.

Richtig eingesetzt, trägt KI wesentlich dazu bei, Komplexität besser zu verstehen, Prozesse effizienter zu gestalten und Entscheidungen auf Basis fundierter Daten zu treffen.

Auch auf dem Gebiet nachhaltigen Wirtschaftens eröffnet KI neue Möglichkeiten.

Technische Lösungen allein reichen jedoch nicht aus.

Künstliche Intelligenz entfaltet ihr Potenzial nur dann, wenn sie konsequent im Dienst des Menschen steht.

Zukunftsfähige Unternehmen setzen KI deshalb als ein Werkzeug ein, das Mitarbeitende stärkt – ganz im Sinne des positiven Pygmalion Effekts.

Künstliche Intelligenz wird so zum Katalysator einer humanen, lernenden Wirtschaft – einer „Human Economy“, in der Effizienz und Empathie keine Gegensätze, sondern sich gegenseitig verstärkende Faktoren sind.

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